Nach der Übergabe der Güter verabschiedete sich Rita bei der 27. Fahrt in Polen von der Schweizer Crew. Gemeinsam mit Ivan Kupar reiste sie in die Ukraine und verbrachte dort die beiden darauffolgenden Wochen, um Kontakte zu besuchen und sich ein Bild von der Arbeit vor Ort zu machen. Im folgenden Reisebericht erzählt sie von ihren Erlebnissen.
Im Oktober 2025 hatte ich die Gelegenheit, im Anschluss an unsere 27. Fahrt, unsere Helfer bis in unsere Zielregionen in der Ostukraine zu begleiten. Ich erlebte vierzehn intensive Tage, gefüllt mit Hoffnung, Mut und Menschlichkeit. Ich und meine nächsten Angehörigen haben damit ein kalkuliertes Risiko in Kauf genommen, im Bewusstsein, dass sich unsere Helfer an vorderster Front jeden Tag in dieser erhöhten Gefahrenzone bewegen.
Diese aussergewöhnliche und unvergessliche Reise wurde ermöglicht durch Ivan Shemet und seine Kontakte bis in alle Regionen der Ostfront. Er ist für mich inzwischen ein guter Freund und Weggefährte geworden. Auf dieser Reise war er mein Privatchauffeur, Übersetzer, Organisator und Reiseführer. Er ist ein Priester, der bei den Menschen ankommt. Meine Dankbarkeit für sein unermüdliches Engagement ist sehr gross.
Am frühen Morgen des 13. Oktober, kurz nach vier Uhr, treffe ich Ivan. Der Bus ist bis unter die Decke beladen – kartonweise Spitalbedarf, Laborgeräte, Hygieneartikel, Generatoren und mehr. Nur wenige Bananenschachteln finden noch Platz zwischen den Hilfspaketen. Unterwegs werden wir bei einer Kirchgemeinde weitere Lebensmittel abholen. Schon hier spüre ich, dass diese Fahrt keine gewöhnliche Reise sein wird, sondern eine Fahrt mitten hinein ins Herz eines leidenden, aber unbeugsamen Landes.
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In der Nähe von Czernowitz kommt es endlich zum lang ersehnten persönlichen Treffen mit Victoria. Sie hat hier in der Westukraine ein neues Zuhause gefunden und befindet sich jetzt endlich in relativer Sicherheit. Unser bisher ausschliesslich virtueller Kontakt geht zurück bis ins erste Kriegsjahr. Sie harrte in der Frontstadt Druschkiwka aus und kümmerte sich couragiert und selbstlos um das Wohl von Menschen und Tieren. Sie verliess den Ort erst, nachdem ihr Haus durch russischen Beschuss zerstört wurde und die ukrainische Armeeführung im Spätsommer 2025 aus Sicherheitsgründen die Evakuierung angeordnet hatte.
Der zweite Reisetag führt uns 400 km nach Süden. Früh am Morgen liegt die schöne Herbstlandschaft still und friedlich da – doch hinter dieser Stille verbirgt sich die Realität des Krieges. Ich bin gespannt und in froher Erwartung, denn heute werde ich Menschen treffen, die trotz aller Widrigkeiten weitermachen. Menschen, die ihre Häuser verloren haben, aber nicht ihren Glauben an das Gute. Gegen Mittag erreichen wir Odessa, die schöne Kulturstadt am Schwarzen Meer. Hier treffen wir die Ärztin Snezhana. Sie engagiert sich bis an die Grenze ihrer Kräfte. Wir dürfen sie immer wieder mit nützlichen medizinischen Gütern versorgen.
Gegen Abend erreichen wir die Kleinstadt Welyka, unser heutiges Tagesziel. Es liegt gerade mal eine Autostunde nordwestlich von Beryslaw am Dnepr. In Beryslav befand sich bis zur kürzlichen Evakuierung der Caritas-Standort von Priester Oleksander, den ich Dank Ivans Organisationstalent im irgendwo on the road nach zwei Jahren wieder sehen durfte.
Am dritten Reisetag besuchen wir Krywyj Rih, Dnipro, Pawlohrad und kommen spätabends in der Region Kramatorsk und Slowjansk in hörbare Distanz zum Kriegsgeschehen. Jeden Tag begegnen wir neuen Gesichtern – Helferinnen, Freiwilligen, Müttern, Kindern. Überall spüre ich dieselbe tiefe Dankbarkeit und den unerschütterlichen Willen, das Leben weiterzuführen. Ich spüre, wie wichtig es ist, dass wir da sind. Nicht nur mit Hilfsgütern, sondern mit offenen Herzen. Immer wieder sage ich: „Wir vergessen euch nicht. Wir bleiben an eurer Seite.“ Diese Worte lösen oft Tränen aus – und gleichzeitig ein Lächeln. In Dnipro gibt es ein herzliches Wiedersehen mit Kolja. Er ist Militärkaplan und Front-Seelsorger. Wir durften ihn vor zwei Jahren in Kiew persönlich kennenlernen. Kolja engagiert sich buchstäblich unermüdlich mit Hand und Herz an vorderster Front für die Menschen und für die Menschlichkeit. In Kramatorsk, nahe der Frontlinie, begleitet uns das dumpfe Grollen von Explosionen durch die Nacht. Die Menschen, die hierbleiben, tun dies mit einer bewundernswerten Entschlossenheit. Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Ihre Stärke, ihr Durchhaltewille, ihre Menschlichkeit – all das berührt mich zutiefst. Ich mache keine Fotos. Manche Eindrücke lassen sich nicht festhalten. Sie müssen im Herzen bleiben.
Frühmorgens am Folgetag macht Chauffeur Ivan Tempo. Damit wir möglichst schnell aus dieser Risikozone herauskommen und den Weg via Isjum und Charkiw nach Kiew fortsetzen können. In Isjum gedenken wir der unzähligen Kriegsopfer, die nach der Befreiung durch die Ukrainer im September 2022 in Massengräbern und im Wald entdeckt wurden.
Im Zentrum von Kyjiw dürfen wir nach langen Tagen endlich wieder ein komfortables Hotelzimmer beziehen.
Am Freitag, dem 17. Oktober, steht unsere letzte Mission an – eine kleine, aber besonders symbolische Übergabe. In Kiew bringen wir Sophias Flugzeug, ein Modell der legendären Antonov An-225 Mrija, zur Organisation Voices of Children. Die Geschichte hinter diesem Modell ist bewegend: Sophia, ein ukrainisches Mädchen, das nun in der Schweiz lebt, hat die Maschine als Abschlussarbeit in der Schule gebastelt. Sie möchte sie in ihrer alten Heimat versteigern lassen, um traumatisierten Kindern zu helfen. Kinder helfen Kindern. Als ich das Modell übergebe, habe ich Tränen in den Augen. Dieses kleine Flugzeug steht für so viel mehr als Bastelarbeit – es ist ein Symbol der Verbindung, der Hoffnung, des Glaubens daran, dass Menschlichkeit keine Grenzen kennt.
Vor unserer Rückreise nehmen wir am Freitagnachmittag an einer Führung durch das Anwesen Meschyhirja teil. Das war die private Residenz des bis zum 22. Februar 2014 amtierenden, korrupten, prorussischen Präsidenten der Ukraine, Wiktor Janukowytsch. Diesen riesigen, angehäuften Reichtum zu sehen, ist insbesondere nach der Reise in den von Zerstörung geprägten Osten unglaublich.
Anschliessend reisen wir durch die Nacht über Lwiw zurück nach Uzhorod.
Um 6 Uhr Morgens treffe ich in Uzhorod ein. Hier steht zuerst einmal ausruhen, schlafen, das schöne Zuhause von Ivan und Kamila geniessen, Zeit haben um die Fotos der Reise, die Eindrücke und die Gefühle in mir zu sortieren auf dem Programm.
In den nächsten Tagen darf ich dabei sein, als die Kinder einer Pfarrei Geschenkbeutel für verwundete Soldaten einpacken. An zwei anderen Tagen helfe ich beim Kochen von Holubtsi und Bohrach (ukrainische Spezialitäten) mit. Dieses Essen wird portionenweise sterilisiert und in den Osten gebracht, wo es auch ohne Kochmöglichkeiten gegessen werden kann.
Ein besonderes Highlight ist, den Ukrainer Mike wiederzutreffen, mit dem ich seit 2023 per WhatsApp in regem Kontakt stehe. Er war zu diesem Zeitpunkt ein an der Front stationierter Soldat und hat uns über unsere Webseite kontaktiert. Inzwischen lebt er in Uzhorod, betreibt einen kleinen Coffeeshop und erholt sich von seinen drei Jahren Kriegserfahrungen an vorderster Front.
Auch ein Ausflug in die schönen Karpaten darf nicht fehlen. Zusammen mit Ivan K. besuche ich ein kirchliches Bildungszentrum und Lagerhaus. Hier finden im Sommer von Ivan K. organisierte Lager für Kriegswaisen statt.
Natürlich darf ein Besuch in der TheoBand Schule nicht fehlen. Diese Schule, welche wir schon seit Jahren unterstützen, ist von 100 Schülern (vor dem Krieg) auf inzwischen 400 Schüler angewachsen. Die motivierten und fröhlichen Schulkinder und Lehrpersonen machen mir grosse Freude. Es ist schön zu sehen, dass das von uns gelieferte Mobiliar, Wandtafeln, Beamer, Pulte und Stühle, im Einsatz sind und sehr geschätzt werden.
Nach vierzehn intensiven Tagen kehre ich zurück in die Schweiz – erfüllt, bewegt und nachdenklich. Ich habe erlebt, wie viel Kraft, Mut und Liebe in einem Land stecken, das Tag für Tag ums Überleben kämpft. Unsere kleine Hilfsorganisation «engagiert mit Herz» wird weiter helfen, solange es notwendig ist. Denn wir wissen: Hilfe bedeutet nicht nur Versorgung – sie bedeutet Nähe, Anteilnahme und Menschlichkeit.
Diese 3'500 km lange Reise in die Ostukraine hat mir erneut gezeigt, dass Hoffnung ansteckend ist. Jeder Beitrag, jede Geste, jedes mitfühlende Wort zählt.
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